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3 Möglichkeiten für Partizipation im Kita-Alltag

Anziehen

Essen

Streiten


Wie fühle ich mich selbst, wenn ich nicht an -für mich- wichtigen Entscheidungen beteiligt werde?


Menschen möchten an Entscheidungen, die sie betreffen beteiligt werden. Wir alle finden es blöd, wenn über unseren Kopf hinweg Dinge einfach entschieden werden, ohne das wir gefragt und ernst genommen werden.


  • Deine Chefin teilt dir mit, dass du ab sofort jeden Dienstag mit allen Kindern in den Wald gehst, sie findet das pädagogisch wertvoll.

  • Du hast zu deinem Partner gesagt, dass du am Wochenende gerne etwas mit ihm unternehmen würdest und er teilt dir zwei Stunden später freudestrahlend mit, dass er Gäste für Samstagabend eingeladen hat, ohne vorher mit dir darüber zu sprechen.

  • Deine Schwiegermutter ist ungefragt vorbeigekommen und hat bei dir zu Hause die Fenster geputzt.

Sicherlich fallen dir auch direkt einige Situationen ein, in denen du übergangen wurdest.

Wenn du magst, geh hier einmal kurz in dich und stelle dir eine Situation vor, in der du übergangen wurdest oder in der deine Meinung einfach nicht beachtet wurde. Stell dir die Situation genau vor, fühle dich richtig ein und beschreibe dann (schriftlich oder in Gedanken) welche Gefühle das bei dir auslöst.

Jetzt versuchen wir die Situation zu verändern. Bei dem Beispiel mit der Arbeit könnte es ja auch folgendermaßen sein:

Deine Chefin bittet dich zu sich ins Büro: "Du weißt ja, dass Anna in zwei Monaten in Elternzeit geht. Ihr und mir liegt es sehr am Herzen, dass der Waldtag am Dienstag trotzdem weiter bestehen bleibt. Vielen Kindern tut es einfach so gut, an einem festen Tag in der Woche in den Wald gehen zu können. Sie hat mit mir gesprochen und findet, dass du super dafür geeignet wärst, den Waldtag weiter zu führen. Sie hat gesagt, dass du Spaß daran hast rauszugehen und könnte sich den Waldtag mit dir einfach gut vorstellen. Was meinst du dazu?"

Fühle dich noch einmal in deine Situation ein und überlege, was anders hätte laufen müssen, damit du dich respektiert und beteiligt gefühlt hättest. Es geht nicht darum, den Ausgang der Situation maßgeblich zu verändern, sondern um den Weg dahin! Verändern sich mit der neuen Situation auch deine Gefühle?


Welche Situationen sind im Kita-Alltag für Kinder wichtig?


Wer kennt sie nicht, die Situation, dass ein Kind, mit dem man gerade noch fröhlich zum Wickeltisch gegangen ist, auf einmal wie am Spieß schreit: "Selber!!!", nachdem man es hochgehoben und auf dem Wickeltisch "abgestellt" hat.

Was kann da falsch gelaufen sein?

Dies war offensichtlich eine Situation, die für das Kind eine große persönliche Bedeutung hatte und in der es sich übergangen gefühlt hat. Der Erwachsene hat das Kind nicht angesprochen und/oder angeschaut und gefragt: "Hey, kann ich dich hochheben?" sondern es einfach gemacht. Auch wenn Kinder darauf oft gar nicht negativ reagieren, ist dies trotzdem immer ein übergriffiges Verhalten.


Wenn mich in der Stadt jemand anrempelt und sich nicht entschuldigt, gehe ich vielleicht auch einfach weiter ohne mich zu beschweren, trotzdem ist das Verhalten nicht in Ordnung und ich ärgere mich möglicherweise still in mich hinein oder lasse meinen Frust an einer anderen Person aus. Vielleicht stört es mich an diesem Tag aber auch gar nicht, weil ich so gut drauf bin - trotzdem ist das Verhalten nicht in Ordnung.


In diesem Fall beschwert sich das Kind jedoch lautstark und wenn du dich jetzt noch einmal an deine Gefühle aus der vorherigen Übung erinnerst, dann kannst du diese Beschwerde sicherlich sehr gut nachvollziehen.


Je kleiner die Kinder desto kleiner die Situationen, die im Alltag Bedeutung haben. Die Gefühle, die ausgelöst werden, wenn Kinder oder Erwachsene nicht beteiligt werden, sind jedoch erst einmal die gleichen, denn "kleine Situationen" sind für kleine Kinder genauso bedeutsam wie "große Situationen" für Erwachsene. Bei Kindern bricht allerdings noch deutlich öfter ein "Gefühlssturm" aus, als bei Erwachsenen, da bei Kindern die Selbstregulation und Emotionskontrolle noch im Aufbau ist.



Drei Alltagssituationen, in denen Kinder beteiligt werden müssen



Bild von Lorri Lang auf pixabay

Anziehen

"Der Pulli kratzt und piekt!" beschwert sich Lotta aus der Krachmacherstraße über den Pullover, den ihre Mutter ihr zum Anziehen gibt.

Was wir auf der Haut tragen mögen und was nicht, ist hochindividuell. Viele Kinder mögen keine Strümpfe tragen oder laufen gerne nackidei herum und ich kenne viele Erwachsene, die sich mit Schaudern daran erinnern wie die Mützen immer gekratzt haben, die sie früher tragen mussten.


Wie können wir hier beteiligen? Grundsätzlich können schon sehr kleine Kinder (auch durch Gestik und Mimik oder Einwortsätze) kundtun, ob sie etwas anziehen mögen oder nicht. Als Erwachsener kann ich dann andere Kleidungsstücke anbieten oder fragen, ob sie ganz auf das Kleidungsstück verzichten möchten. Da es sich hier um eine persönliche Entscheidung handelt - nur das Kind kann fühlen, ob es das Kleidungsstück tragen mag oder nicht - sollte die Entscheidungsmacht soweit wie möglich beim Kind liegen.


Für die Bekleidung drinnen sind sich oft alle Fachkräfte einig, hier besteht in der Regel weniger Angst, wenn die Kinder selbst entscheiden dürfen, was sie anziehen. Das liegt daran, dass innerhalb eines Gebäudes relativ gleichbleibende Temperaturen herrschen und es weder regnet noch schneit noch die Sonne ungeschützt auf den Kopf brennt. Ich, als Erwachsener, befinde mich in einem geschützten Raum, in dem ich mich sicher fühle. Hier kann ich relativ leicht Entscheidungsmacht abgeben und mich trotzdem noch sicher fühlen. Doch auch hier gibt es einige Punkte, die zu Diskussionen führen. Wie ist es mit Hausschuhen, insbesondere, wenn der Fußboden kühl ist. Gelten beim Essen andere Kleidungsregeln als beim Spielen oder beim Schlafen?


Auf dem Außengelände oder bei Ausflügen spitzt sich die Lage oft zu. Kann man Kindern zutrauen ihre eigene Kleidung auszuwählen, wenn es kalt ist und regnet? JA - mit Begleitung durch die Erwachsenen!


Einem Kind ein Selbstbestimmungsrecht in Sachen Kleidung einzuräumen bedeutet ja nicht, es mit diesem Recht auf einmal alleine zu lassen und ihm auch die komplette Verantwortung zu übertragen. Im Gegenteil, es nimmt den Erwachsenen auf vielfältige Weise in die Pflicht.

Um anderen Menschen Rechte zuzugestehen muss man sich auch mit sich selbst auseinandersetzen, seine eigenen Ansichten und Glaubenssätze erkennen und hinterfragen. Vielleicht helfen dir diese Fragen dabei einen Anfang zu machen:

  • Wie ist dein eigenes Temperaturempfinden?

  • Was denkst du, wenn dir im Winter ein Erwachsener mit Sweatshirt und kurzer Hose begegnet?

  • Was denkst du, wenn dir im Sommer ein Erwachsener mit Mütze und dicker Jacke begegnet?

  • Weißt du wie häufig sich Kleinkinder im Schnitt pro Jahr erkälten, woran das liegt und warum das sogar wichtig ist?

  • Wie stehst du zu "verdreckter" Kleidung"?

  • Fürchtest du Auseinandersetzungen mit Eltern?

  • Hast du eigene Kindheitserinnerungen zum Thema "Kleidung"?

Kinder zu befähigen, ihr eigenes Leben zu meistern, bedeutet im Kindergartenalter, sie zu befähigen alltägliche Aufgaben zu bewältigen. Dazu gehört auch das Anziehen und die individuell passende Kleidung auszuwählen. Dies erfordert eine Fokusverschiebung. Das Hauptaugenmerk liegt nicht mehr darauf, dass alle Kinder schnell nach draußen kommen, um dort spielen zu können, sondern es liegt in der täglichen Begleitung beim Anziehen.

  • Wie ist das Wetter gerade?

  • Welche Kleidung zieht man üblicherweise an?

  • Gefällt dem Kind diese Kleidung?

  • Gibt es Kleidungsstücke, die jetzt eigentlich angemessen wären, die das Kind aber störend findet?

  • Hat das Kind möglicherweise ein Temperaturempfinden, das sehr unterschiedlich zum "normalen" Temperaturempfinden ist?

  • Möchte das Kind einfach mal spüren, wie sich eine bestimmte Wetterlage auf der unbedeckten Haut anfühlt? Regen, Frost, Wind...

Das ist sehr zeitintensiv. Ich empfinde jedoch die pädagogische Arbeit, die das Kind dazu befähigt sich selbst wahrzunehmen, eigene Empfindungen spüren und verbalisieren zu können und eine eigene Meinung vertreten zu können als einen sehr wichtigen und grundlegenden Teil der pädagogischen Arbeit in der Kita.


Und schließlich bleibt die Verantwortung natürlich immer beim Erwachsenen. Er ist dafür verantwortlich, bei starker Hitze oder Kälte die Kinder immer wieder auf ihr (Temperatur)Empfinden anzusprechen. Er ist auch dafür verantwortlich, dass dem Kind wetterentsprechende Kleidung und genügend Wechselkleidung zur Verfügung stehen. Und er ist dafür verantwortlich mit dem Kind gemeinsam Lösungen zu finden, wenn die Meinungen auseinandergehen.


Wo sind Grenzen? Ganz klar beim Kindesschutz. So haben z. B. einige Einrichtungen die Regel, dass Kinder mindestens mit einem Body oder Unterhose und Unterhemd bekleidet sein müssen, um die Kinder vor Blicken oder ggf. sogar Fotos von Fremden zu schützen. Ein weiterer Aspekt ist der Sonnenschutz im Sommer. Einen Hitzschlag bekommt man -im Gegensatz zu Erfrierungen- durchaus auch mal unbemerkt. Die Anzeichen wie Kopfweh, Übelkeit, etc. treten erst relativ spät auf und sind auch diffuser als ein Kältegefühl.



Foto von Merry Christmas auf pixabay

Essen

"Ein Haps wird aber probiert!" - "Nachtisch gibt´s erst, wenn der Teller leer ist!" - "Nicht nur Fleisch, auch die Kartoffeln essen!" - "Trink dich nicht satt!"

Die meisten von uns kennen solche Sätze wohl aus eigener Erfahrung und verbinden sie wahrscheinlich nicht unbedingt mit positiven Erinnerungen. Trotzdem geben wir viel von unseren eigenen Erfahrungen selbst an Kinder weiter und finden es auch richtig und wichtig.


Wie können wir hier beteiligen? Genau wie bei Empfindungen auf der Haut, kann auch beim Essen nur jeder Mensch für sich selbst schmecken, ob ihm etwas lecker schmeckt oder ob er es eklig findet. Das gleiche gilt auch für den Geruch, dafür wie etwas aussieht und wie es sich im Mund anfühlt. Das gleiche gilt für das Hunger- bzw. Sättigungsgefühl. Es kann nur jeder für sich selber wissen, ober er schon satt ist oder noch nicht. Deswegen kann auch nur jeder Mensch für sich selbst entscheiden, ob, was und wie viel er essen möchte.


Ich habe in Kitas oft zwei sehr unterschiedliche Essenssituationen beobachtet. Das Frühstück, bei dem die Kinder von zu Hause ihre Brotdose mitgebracht haben und das Mittagessen, das von der Einrichtung gestellt wurde.


Das mitgebrachte Frühstück ist von Kind zu Kind sehr unterschiedlich und es gibt von Schokopudding und Milchschnitte bis zu Vollkornbrot und Obst alle Varianten. Da die Eltern das Frühstück mitgegeben haben, liegt es nicht im Verantwortungsbereich der Fachkräfte und die Kinder dürfen ziemlich selbstbestimmt davon essen was sie möchten. Wenn nur der Schokoriegel gegessen wird, der Apfel aber nicht, ist das ok - hat ja die Mama mitgegeben. Wenn alles aufgegessen wird ist das in Ordnung - die Menge haben ja die Eltern bestimmt. Wenn gar nichts gegessen wird, wird es schonmal kritischer, aber meistens ist auch das noch in Ordnung - die Eltern sehen ja, dass die volle Brotdose wieder mitkommt, dann geben sie eben morgen was anderes mit.


Beim Mittagessen, das von der Einrichtung gestellt wird, sieht die Sache ganz anders aus. Hier soll oft noch von allem probiert werden, der Nachtisch auf keinen Fall vor der Hauptspeise gegessen werden und auch erst, wenn die Kartoffeln aufgegessen sind.


Diese unterschiedliche Einstellung zum Essverhalten der Kinder liegt im unterschiedlichen Verantwortungsgefühl der Fachkräfte. Für das Essen von zu Hause sind die Eltern verantwortlich, für das Essen von der Kita die Erzieher. Und wenn das Essen in der Verantwortung der Erzieher liegt, dann müssen die auch dafür sorgen, dass die Kinder unterschiedliches Essen kennen lernen, dass sie genug essen, aber nicht zu viel und dass das Essen auch noch gesund ist. Ach ja, und Spaß soll das Essen auch noch machen.

Ich möchte an dieser Stelle erst einmal für Entlastung sorgen. Erzieher sind NICHT dafür verantwortlich ob und wie viel Kinder essen. Sie sind dafür verantwortlich Essensmengen ggf. zu dokumentieren und mit den Eltern ins Gespräch zu gehen, wenn ihnen etwas ungewöhnliches am Essverhalten und vor allem am Allgemeinzustand des Kindes auffällt, was mit dem Essen in Zusammenhang stehen könnte.

Erzieher sind (in der Regel) nicht dafür verantwortlich, was es zum Mittagessen gibt (Auswahl und Qualität), da dies in den meisten Fällen von einem externen Caterer geliefert wird. Sie haben also gar keinen Einfluss darauf wie vielfältig das Mittagessen ist. Sie sind allerdings dafür verantwortlich an die Leitung zurückzumelden, wenn die Qualität des Essens nicht aureichend ist. Dies gilt übrigens im Prinzip ebenso für das Essen, was die Kinder von ihren Eltern mitbekommen. Auch hier sind die Fachkräfte für genau die gleichen DInge verantwortlich bzw. auch nicht verantwortlich. Die Rückmeldung müsste dann allerdings an die Eltern statt an die Leitung bzw. den Caterer erfo lgen.


Was und wieviel gegessen wird liegt also nicht in der Verantwortung der Fachkräfte, wohl aber WIE gegessen wird - und jetzt sind wir mitten in der Beteiligung. Kinder möchten ihren Alltag umfangreich mitgestalten und die Erwachsenen können ihnen das in vielen Bereichen ermöglichen. Dazu gehört beim Essen insbesondere

  • den Tisch mit einzudecken

  • sich selbst einen Platz aussuchen zu dürfen

  • neben dem Freund sitzen zu dürfen

  • sich selbst das Essen auffüllen zu dürfen (Ja - das dauert und es geht auch mal was daneben)

  • selbst zu entscheiden, was man sich auffüllt

  • gemeinsam Regeln aufzustellen, wieviel man pro Portion nehmen darf (so landen nicht alle Würstchen bei dem, der zu erst dran war)

  • selbst zu entscheiden ob man den Nachtisch (seine Portion) zuerst isst oder später

  • sagen zu dürfen, ob einem das Essen schmeckt oder nicht

  • auszuprobieren und zum Beispiel die Nudeln mit dem Pudding zusammen zu essen

  • auch mal Quatsch zu machen beim Essen und die Tischnachbarn zum Lachen bringen

  • zu trinken wann und wieviel man möchte

  • sein Geschirr selbst abzuräumen

Wo sind die Grenzen? Bei Sicherheitsaspekten. Ein Krippenkind kann sicherlich schon Geschirr und Besteck aufdecken, den heißen Saucentopf aber vielleicht noch nicht.

Bei den Grenzen anderer. Wenn der Quatsch zu laut wird oder das Experimentieren für andere sehr eklig aussieht müssen hier gemeinsam Wege gefunden werden wie jeder zu seinem Recht kommen kann.



Foto von Markus Wagner auf pixabay

Streiten

All die hundert kleinen und größeren Konflikte die Kinder jeden Tag ausfechten haben ihre guten Gründe. Kinder lernen in der Auseinandersetzung das soziale Miteinander. Das sagt sich so leicht, doch soziales Miteinander ist ein extrem komplexes Lernfeld mit unzähligen Facetten und niemand wird wohl je von sich sagen können, alles darüber zu wissen oder es komplett gemeistert zu haben. Trotzdem freuen wir uns alle über die Menschen, die ein Mindestmaß davon beherrschen, denn es erleichtert den Umgang miteinander enorm.


Wie können wir hier beteiligen? Bei der Begleitung von Streitsituationen ist weniger oft mehr. Die schwierigste Übung für Fachkräfte ist hier oft das Aushalten von Streitsituationen, die Kinder vielfach untereinander lösen können und wollen. Was Fachkräften dabei helfen kann Streitsituationen besser auszuhalten

  • Verständigung im Team zum Thema Konfliktlösung

  • genaues Beobachten der streitenden Kinder, um den Punkt wahrnehmen zu können, wann ein Eingreifen notwendig wird

  • eigene "Triggerpunkte" kennen und zu wissen welche Art von Streitigkeiten man besser oder auch schlechter Aushalten kann

  • die eigene Verfassung einschätzen können und ggf. Unterstützung aus dem Team bekommen

  • sich in die Perspektiven der Kinder zu versetzen, deren Standpunkt man innerlich eher ablehnt

  • die Situation verlassen. Wenn Sorge besteht, dass der Streit eskalieren könnte, kann man sich von einer Kollegin ablösen lassen

Wenn Kinder ihre Streitigkeiten untereinander erfolgreich lösen schulen sie dabei viele wichtige Kompetenzen wie z.B.

  • Kommunikationsfähigkeiten

  • Frustrationstoleranz

  • Kompromissfähigkeit

  • Einfühlungsvermögen

  • Problemlöungsskompetenzen

Die Art und Weise wie Kinder ihre Streitigkeiten lösen unterscheidet sich oft von den Erwartungen und auch vom Gerechtigkeitsempfinden der Erwachsenen. Wenn Helene Leon die Schaufel aus der Hand reißt und damit ein Loch buddelt und Leon sich dann einen Stock sucht mit dem er gegen den Zaun schlägt, ist das eine Situation, die Erwachsene oft als ungerecht empfinden. Die Versuchung einzugreifen und Leon die Schaufel zurückzugeben ist groß. Doch was würde Leon damit vermittelt werden

  • meine Problemlösungsstrategie (nachgeben) war schlecht

  • mich selbst mit meinen Gefühlen auseinanderzusetzen und Wege zu finden sie zu bewältigen, ist nicht richtig

  • ich brauche die Hilfe von Erwachsenen, alleine schaffe ich es nicht

Streitigkeiten von Kindern brauchen meist gar nicht, den von Erwachsenen als gerecht empfundenen Lösungsweg. Im Gegenteil, es sind die eigenen Erfahrungen die sie stärken, nicht die "Richtersprüche" der Erwachsenen. Es geht bei Konflikten unter Kindern darum sich selbst immer wieder auszuprobieren und zu erproben. Lösungswege zu finden, aber auch Frustrationen auszuhalten. Konsequenzen durch andere Kinder zu erfahren, aber auch Unterstützung zu bekommen.


Wo sind die Grenzen? Wenn destruktive Situationen entstehen. Das kann passieren, wenn Kinder mit dem Verlauf oder Ausgang eines Konflikts überfordert sind und nicht mehr angemessen agieren können. Wenn Kinder sich oder andere körperlich oder verbal verletzen. Wenn Dinge zerstört werden.


Je jünger die Kinder desto weniger stark entwickelt ist ihre Empathiefähigkeit, ihre Kommunikationsfähigkeit, ihre Frustrationstoleranz und ihre emotionale Regulationsfähigkeit und desto mehr benötigen sie die Unterstützung der Fachkräfte, um diese Fähigkeiten weiter auszubauen. Hilfreiche Strategien dazu sind

  • markiertes Spiegeln - Ich spiegele dem Kind seine Gefühle, indem ich sie benenne, aber auch mimisch und durch Gesten widergebe. Das ist wichtig, damit Kinder lernen können, welche Gefühle es gibt und wie sie sich anfühlen. Sie lernen so Gefühle deutlicher zu unterscheiden und zu benennen. "Markiert" steht dafür, dass ich die Gefühle des Kindes zwar wahrnehme und ihm auch wiederspiegele, aber eben nicht selber empfinde. Wenn ich in einer Konfliktsituation dem Kind spiegele, dass es wütend und aufgebracht ist, dabei aber selber ruhig bleibe und das Kind dabei begleiten kann eine Lösung zu finden und sich auch wieder zu beruhigen, dann vermittle ich neben der Spiegelung das Gefühl von Sicherheit. Wenn ich selbst in der Konfliktsituation wütend bin, spiegele ich dem Kind zwar auch seine Gefühle, verstärke durch meine eigene Wut aber den Konflikt und verschärfe die Situation anstatt sie zu beruhigen.

  • Gefühlen auf den Grund gehen - Luis und Pia streiten sich um ein Auto. Pia nimmt Luis das Auto weg und Luis wird wütend. Warum genau wird Luis wütend? Fühlt er sich hilflos, weil Pia stärker ist? Ist er ratlos, weil er gelernt, dass er nichts wegnehmen darf und jetzt passiert es ihm selbst? Ist er traurig, weil beim Gerangel um das Auto auch noch der gebaute Turm kaputt gegangen ist? ... Die Hintergründe für das Gefühl zu erforschen, hilft dabei sich und seine Gefühle besser kennen zu lernen. Kinder können so vielleicht irgendwann nicht nur sagen "Ich bin wütend!", sondern "Ich fühle mich hilflos, weil XY stärker ist und mir immer was wegnimmt. Das macht mich wütend." Seinen Gefühlen auf den Grund zu gehen ist übrigens auch ein Element der gewaltfreien Kommunikation.

  • rausfinden, was dem Kind jetzt wirklich helfen würde - Pia und Luis rangeln miteinander. Nach einiger Zeit wird aus Spaß ernst und Luis schubst Pia so, dass sie mit dem Kopf auf den Boden knallt. Die Fachkraft geht zu Pia und Luis, zum Glück ist Pia nichts ernstes passiert. Wenn jetzt von Luis eine standardmäßige Entschuldigung verlangt würde, würde er sie vermutlich halbherzig geben. Vielleicht mit dem Gedanken, dass sie doch beide getobt hätten und er gar nichts dafür konnte. Vielleicht sagt er das sogar und verweigert eine Entschuldigung. Pia ist mit einer Entschuldigung auch nicht wirklich geholfen, zumal sie wahrscheinlich spürt, dass diese nicht wirklich ernst gemeint ist. Stattdessen könnte man beide Kinder fragen, was sie bräuchten, damit es ihnen wieder gut geht. Pia hätte vielleicht gerne ein Glas Wasser, weil ihr vom Toben heiß ist, das könnte Luis ihr holen. Und Luis würde jetzt vielleicht gerne mit Pia eine Höhle bauen, in der sie sich zusammen ausruhen können. So würde kein Kind beschämt oder als "schuldig" dargestellt, sondern beide werden ernst genommen und können ihre Bedürfnisse nach Trinken und Ruhe ausdrücken.

Wie geht es dir mit dem Thema Partizipation? Sind für dich die Punkte aus dem Artikel schon gelebter Alltag? Mit welchen Punkten haderst du oder wozu würdest du gerne noch mehr wissen?


Ich freue mich über Kommentare und Rückmeldungen zu meinem Blogpost von dir!

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