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Komm, wir spielen Corona-Ball!

von Capri23auto auf pixabay
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„Komm, wir spielen Corona-Ball!“ rief neulich ein Junge seinem Freund zu. Die beiden hatten ein neues Spiel erfunden. Der Ball war das Corona Virus und sie versuchten gegenseitig sich damit abzuwerfen. Wer getroffen wurde, hatte Corona. Um wieder gesund zu werden, musste er eine Aufgabe erledigen und war dann im Ballbesitz.

 

Eine uralte Variante des Ballspiels, sich gegenseitig abzuwerfen, wurde von den beiden Jungs mit einer neuen Erzählung besetzt, die die aktuelle Corona-Situation behandelt. Was passiert da? Und ist es in Ordnung, wenn Kinder aus einer Gefahr einfach ein Spiel machen?

 

Die beiden Jungs taten das, was Kinder immer tun, ihre Lebensrealität im Spiel zu verarbeiten. Nach wochenlangem Lockdown, in dem sie nicht im Kindergarten oder  in der Schule waren und in dem sie nur eingeschränkt Freunde sehen konnten, in dem sie dafür aber regelmäßig mit „Fallzahlen“, „Reisebeschränkungen“, „Risikogebieten“, „Maskenpflicht“ und anderen neuen Maßnahmen und Regeln konfrontiert wurden, hatte sich ihre Lebenswirklichkeit einschneidend verändert. Bei den meisten Erwachsenen herrscht nach wie vor enorme Unsicherheit und ständig verändern sich die Regeln, an die man sich im Alltag halten muss. Kinder können das nur sehr bedingt kognitiv erfassen, aber sie haben ein sehr wirkmächtiges Instrument, um sich auf veränderte Umweltbedingungen einzustellen. Das Spiel.

 


Was passiert im freien Spiel?

Im freien Spiel, alleine oder mit anderen Kindern, setzen sie sich  mit ihrer ganz persönlichen Lebenswirklichkeit auseinander. Das können sehr ausdifferenzierte Rollenspiele sein, in denen Alltagssituationen nachempfunden werden (und bei denen Eltern sich manchmal ertappt fühlen, wenn Kinder wortgetreu und im gleichen Tonfall „Elternsätze“ sagen). Das können aber auch Regelspiele wie „Corona-Ball“ sein, bei denen es einen festen Ablauf mit klaren Regeln gibt. Ich beziehe mich hier immer auf Spiele, die die Kinder ohne Erwachsene spielen, bei denen die Kinder die Regeln festlegen und ggf. auch eigenständig verändern. Die Kinder geben diesen Spielen eine relativ starre Struktur und damit ein hohes Maß an Verbindlichkeit und Sicherheit. Wer sich nicht an die Regeln hält, macht eindeutig etwas falsch und muss eine Konsequenz, z. B. eine Runde aussetzen, ertragen. Dadurch erschaffen sich die Kinder selbst einen Raum, in dem es Verbindlichkeit statt Verunsicherung gibt. Auch für das Virus gibt es klare Regeln. Wer getroffen wird, der hat Corona. ABER, wer getroffen wurde hat auch selbst die Möglichkeit Corona wieder loszuwerden und weiter mitzuspielen. Dadurch wird das Virus beherrschbar und das eigene Selbstwirksamkeitsempfinden wird gestärkt. Die Kinder haben dem Virus im Spiel etwas entgegenzusetzen und sie können es immer wieder besiegen. Dabei wird es auch Varianten geben, ein anderes Kind muss das „infizierte“ Kind befreien, mehrere Kinder müssen „infiziert“ sein, um gemeinsam das Virus zu besiegen etc. Was in Kindergruppen in der Regel nicht vorkommt, ist dass das „infizierte“ Kind wirklich raus ist und nicht mehr mitspielen darf, denn dann würden sich die Kinder im Spiel gegenseitig schwächen und nicht stärken. Die Kinder würden eher die „Erzählung des Spiels“ verändern. Der Werfer wäre dann zum Beispiel der Arzt und die anderen Kinder die Coronaviren und immer, wenn ein Virus getroffen wird, ist es tot. Indem die Kinder selbst die Regeln und die Erzählung des Spiels festlegen, erleben sie ein Höchstmaß an Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit. Sie behalten die Kontrolle und  setzen ihre Stärke aus der Wirklichkeit des Spiels den verunsichernden Erzählungen aus der Wirklichkeit der Erwachsenen gegenüber.

 

Im Spiel holen sich die Kinder das, was sie brauchen, um in der „echten Welt“ bestehen zu können. Optimismus, Mut, Kampfgeist, Vertrauen in die eigene Stärke, Vertrauen in die Gruppe und Spaß am Tun gehören dazu und können in Regelspielen gestärkt werden. Hier geht es nicht so sehr um Aushandlungsprozesse (außer wenn die Regeln oder die Erzählung des Spiels verändert werden), sondern um Klarheit, Verbindlichkeit, Fairness und Gemeinschaft. Dazu gehört, dass man aufeinander achtet: „Immer werde ich zuerst abgeworfen!“  „Wir machen eine neue Regel, es darf nicht mehr zweimal hintereinander der gleiche zuerst abgeworfen werden.“ Aber auch, dass die Gruppe einzelne diszipliniert, um die Verbindlichkeit der verabredeten Regeln aufrecht zu erhalten und sich aufeinander verlassen zu können: „Du darfst nicht mehr mitspielen, du schummelst immer!“

 


Kinder setzen sich im Spiel grundsätzlich mit allen Themen auseinander, die in ihrer Lebenswelt von Bedeutung sind. Dabei sind die Themen und Szenarien im Spiel nicht Gut oder Böse, sondern vor allem Echt. Sie spiegeln das wieder, was das Kind kennt, womit es sich gerade auseinandersetzt, was es nachhaltig beeindruckt hat oder was alltäglich ist.

 

Kinder können nur das kennen, was Erwachsene ihnen als Lebenswelt bieten. Sie können nur auf ihre eigenen selbst gemachten Erfahrungen zurückgreifen. Diese Lebensrealität wird das Kind auch in seinen Spielen bearbeiten. Das können liebevolle Familienszenen sein, aber auch heftige Streitsituationen. Ein Kind das auf einem Bauernhof aufwächst wird andere Szenen spielen als ein Kind, das in einem Wohnblock groß wird und wieder andere, als ein Kind aus einer Neubausiedlung. Kinder die ihre Eltern im Homeoffice bei der Skypekonferenz erleben werden etwas anderes Spielen als Kinder deren Eltern eine Gaststätte betreiben. Wir, als Erwachsene,  mögen es niedlich finden, wenn ein Kind am Telefon Geschäftsgespräche führt und erschüttert sein, wenn es eine Drogenszene nachspielt. Für das jeweilige Kind ist es erstmal einfach seine Lebenswelt. Für diese jeweils einzigartige Situation entwickelt es im Spiel seine Strategien. Was tut man hier? Wer macht was? Wie darf ich sein? Was ist meine Rolle? Wie bekomme ich Aufmerksamkeit?  

 

Wie Kinder spielen, laut oder leise wild oder sanft, alleine oder mit anderen, drinnen oder draußen, hängt dann wiederum viel von den Möglichkeiten ab, die sie zum Spielen haben. Davon wie die Umwelt der Kinder auf laut und leise, wild und sanft, etc. reagiert, aber auch davon welche räumlichen Möglichkeiten sich ihnen bieten und natürlich davon „was sie mitbringen“ und was für Spielsituationen sie brauchen, um sich ihre Welt erspielen zu können.

 

Eins ist aber sicher, spielen werden sie!

 

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