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Der rosa Becher

Neulich habe ich mich mit einer Kollegin unterhalten und wir kamen auf die aktuelle Frühstückssituation in ihrer Kita zu sprechen. Normalerweise gibt es dort ein offenes Frühstück mit einem Buffet, an dem sich die Kinder selbständig bedienen können. Durch Corona musste das natürlich verändert werden, so dass im Moment das Frühstück zwar auch als Buffet angeboten wird, aber die Kinder zeigen was sie möchten, die Fachkraft füllt es ihnen auf und die Kinder nehmen den gefüllten Teller dann mit zum Tisch. Bei den Getränken ist es ähnlich. Die Kinder entscheiden sich für ein Getränk, die Fachkraft nimmt einen der bunten Plastikbecher vom Stapel, füllt ihn und reicht ihn dem Kind.

 

 

„Dabei wollen gerade die Mädchen immer unbedingt rosa Becher“, sagte die Kollegin, „aber das mache ich nicht, die kriegen den Becher, der gerade obenauf ist.“

 

 

Diese Aussage machte mich stutzig. Warum sollten die Mädchen nicht die rosa Becher bekommen, die ihnen anscheinend wichtig waren? Auf meine Nachfrage bekam ich folgende Argumente zu hören

 

  • Das ist mir zu umständlich und Kinder können doch nicht immer kriegen, was sie wollen.
  • Der Ton, in dem die Mädchen mit mir sprechen, wenn sie den Becher einfordern gefällt mir nicht.
  • Das geht wegen Corona gerade nicht. Ich fasse ja immer alle Becher an, wenn ich die umstapeln muss.

 

Was denkst du dazu? Wie würdest du die „Becherproblematik“ handhaben? Kannst du ihre Argumente nachvollziehen?

 

Dein Wunschnummernschild

Bild von neufal 54 auf Pixabay
Bild von neufal 54 auf Pixabay

Stell dir folgendes vor:

 

Du hast dir ein neues Auto gekauft. Gerade warst du bei der Zulassungsstelle und hast es angemeldet. Jetzt freust du dich schon auf dein Wunschkennzeichen, deine Freundin hat ihres letzte Woche auch bekommen und gleich vorgeführt. Du kommst in den Kennzeichenladen und bestellst bei der Servicekraft hinter dem Tresen dein Kennzeichen. Stelle dir folgende Antworten vor:

 

 

  • Hier kann nicht immer jeder bekommen, was er will. Sie kriegen das nächste Kennzeichen aus der Produktionsreihe.
  • So wie Sie mit mir reden nicht! Sie kriegen das nächste freie Kennzeichen.
  • Es tut mir sehr leid, wir haben momentan Produktionsschwierigkeiten, ich kann Ihnen nur das nächste Kennzeichen aus der Serie anbieten.

 

 

Welche dieser Antworten lösen bei dir Ärger aus? Welche Verständnis?

 

Macht in Alltagssituationen

Die letzte Antwort bekommt noch am ehesten Verständnis. Ok, technische Probleme, ärgerlich, aber so ist es eben. Ähnlich ist es mit dem Corona-Argument. Die Kinder wissen, dass wegen Corona im Moment vieles anders ist und wenn man jetzt wegen Corona auch die Becher nicht anfassen darf – blöd, aber ok.

 

Aber die ersten beiden Antworten lösen Ärger aus. Du fühlst dich ohne Grund schlecht und unfair behandelt.

 

  •  Die soll mir gefälligst mein Kennzeichen geben!
  • Warum behandelt die mich so?
  • Ich hab doch ganz normal geredet!

 

Du bist jemandem ausgeliefert, der in einer mächtigeren Position ist als du und der aus dieser Position heraus willkürlich über deinen Wunsch entscheidet. Es ist ganz klar, die Kennzeichen sind da, dein Wunschkennzeichen ist frei, du könntest es haben - aber du kriegst es halt nicht. Stell dir vor, wie du jetzt aus dem Laden gehst. Irgendein blödes Kennzeichen in der Hand. Die Freude über das neue Auto – weg! Stell dir deine Gefühle vor, Enttäuschung, Traurigkeit, Wut – Selbstwirksamkeit null. Dein Handy klingelt, deine Freundin ist dran. Die, die letzte Woche ihr Wunschkennzeichen bekommen hat. Sie will vorbeikommen, um dein neues Auto mit deinem Wunschkennzeichen zu sehen.

 

 

Welcher Aggressionstyp bist du?

 

  •  Du wirst laut und schreist sie an
  • Du trittst gegen den Mülleimer, der gerade im Weg steht
  • Du fängst an zu weinen und klagst ihr dein Leid
  • Du legst kommentarlos auf
  • ...

 

Du kannst die Geschichte noch weiterspinnen. Ein Polizist kommt vorbei, als du gegen den Mülleimer trittst, du bekommst großen Streit mit deiner Freundin…

 

Bild von Harmony Lawrence auf pixabay
Bild von Harmony Lawrence auf pixabay

Überlege, wie oft Kinder sich in Alltagssituationen in dieser Position befinden. Jemand mächtigeres (und das sind für Kinder alle Erwachsenen) entscheidet willkürlich über die Wünsche und Bedürfnisse des Kindes. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Situation für den Erwachsenen bedeutsam ist oder ob es sich nur um einen rosa Becher handelt. Du befindest dich nicht in der Gedankenwelt des Kindes. Ob die Situation bedeutsam ist, kann nur das Kind selbst beurteilen. Und sehr oft erfährt es, dass seine Einschätzung „falsch“ oder zumindest unwichtig ist, denn sie wird ignoriert und übergangen. Wie oft bekommt das Kind hinterher noch Ärger weil es

 

  • einem anderen Kind seinen rosa Becher weggenommen hat
  • einem anderen Kind den Becher umgekippt hat
  • sich darüber beschwert, dass es den rosa Becher nicht bekommen hat
  •  

 

Erwachsene haben gegenüber Kindern immer Macht. Sie sind die Bestimmer, sie sagen was Sache ist. Das diese Macht nicht missbraucht werden darf, weiß eigentlich jeder und dem würde auch (nahezu) jeder zustimmen. Woran wir dabei denken ist Beschimpfen, Schlagen, Missbrauch, Verwahrlosung, Zwang. Wie oft unbewusst und ungewollt Macht im Alltag bei den „kleinen Dingen“ missbraucht wird, lässt sich nicht mal erahnen.

 

Macht und Verantwortung

Die Erwachsenen haben nicht nur die Macht, sie haben auch die Verantwortung. Beides voneinander zu unterscheiden und das eine nicht zu missbrauchen, um dem anderen gerecht zu werden ist eine hohe Kunst.

 

 

Warum sollte das Mädchen den rosa Becher nicht bekommen? Ein Grund war, dass Kinder nicht immer alles haben können. Das stimmt und der Grundgedanke, dass Kinder lernen müssen damit umzugehen etwas nicht zu bekommen und Frustrationen auszuhalten, ist auch richtig. Das WIE ist hier entscheidend. Wenn ich etwas offensichtlich Vorhandenes willkürlich zurückhalte, dann fördere ich nicht die Frustrationstoleranz, sondern ich zerstöre das Selbstwirksamkeitsempfinden „Mein Wunsch / Interesse / Bedürfnis ist unwichtig.“ und die Vertrauensbasis „Mal bekomme ich von XY den rosa Becher, mal nicht und ich weiß nicht warum.“ In der Regel ist dem Erwachsenen sein Machtmissbrauch gar nicht bewusst, sondern er möchte etwas Gutes für das Kind erreichen, es zum Beispiel in seiner Frustrationstoleranz stärken. Durch Willkür und Machtmissbrauch wird jedoch immer das Gegenteil erreicht, denn ich kann niemanden stärken indem ich ihn bzw. seine Bedürfnisse abwerte! Darum ist es so wichtig, dass sich Fachkräfte in ihren Entscheidungen immer wieder hinterfragen und reflektieren.

 

 

  • Warum handele ich so?
  • Was will ich erreichen?
  • Wie begründe ich mein Handeln?
  • Lege ich meinem Gegenüber meine Gründe offen?
  • Würde ich einer gleichgestellten oder mächtigeren Person gegenüber genauso handeln?

 

Bild von ambermb auf pixabay
Bild von ambermb auf pixabay

Zwei andere Möglichkeiten zum Umgang mit der Becherproblematik

 

 

1.       Jedes Kind bekommt den Becher nachdem es fragt, wenn keine rosa Bescher mehr da sind, entsteht eine echte Verknappung. Ich kann jetzt das frustrierte Kind in seinem Bewältigungsprozess begleiten.

 

2.       Mit allen Kindern wird gemeinsam ein Verfahren zur Bechervergabe besprochen und dann entsprechend umgesetzt.

 

 

In beiden Fällen wird die pädagogische Verantwortung ernst genommen. Es findet eine Auseinandersetzung zwischen Fachkraft und Kind statt, bei der die Wünsche der Kinder respektiert werden. NICHT unbedingt erfüllt! Und sie an der Lösung der Becherproblematik beteiligt werden. Die Auseinandersetzung über „Kleinigkeiten“ und die ernsthafte Absicht Kinder an den Dingen, die sie betreffen (was in der Regel „Kleinigkeiten“ sind!), zu beteiligen führt dazu, dass Willkür und Machtmissbrauch im (Kita)Alltag von Kindern weniger werden.

 

Es sind die kleinen „völlig nebensächlichen“ Entscheidungen im Alltag, die den Unterschied machen.

 

Wer sitzt neben wem? Wer darf zuerst? Wer bekommt das Auto? Was passiert, wenn der Turm kaputt gemacht wird? Wer muss sich entschuldigen? Darf im Waschraum gespielt werden? Wer darf nach draußen?

 

 

Das sind die Dinge, die die Kinder betreffen! Hier müssen sie beteiligt werden!

 

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